Schallwende Magazine: Landform & Aqual Measure

Als mir der (Künstler-schallwende)Name Computerchemist zuerst begegnete, hatte ich den Gedanken, dass dieser recht „kalt“ und technisch klingt. Für die Musik erwartete ich Ähnliches. Mittlerweile besitze ich die beiden Alben „Landform“ und „Aqual Measure“, und ich finde meine erste Befürchtung in keiner Weise von der Musik bestätigt.
Hinter Computerchemist steckt Dave Pearson, ein gebürtiger Brite, der inzwischen in Ungarn lebt. Mit punktueller Unterstützung von anderen Musikern hat er die beiden mir vorliegenden CDs ansonsten alleine eingespielt. Dave Pearson bedient sämtliche elektronischen Instrumente, hat Drums und Sequencer programmiert und spielt überdies Bass und Gitarren. Auf „Landform“, dem Album von 2008, ist bei „Darklight Drive“ noch Robin Hayes am Cello zu hören und bei zwei Titeln unterstützt Computerchemist: Landform und Aqual Measure Joselyn Lara Cernas Stimme die Musik.
Uwe Cremer, auch als Solokünstler bei der letzten „schallplatte“ und mit dem Album „Electronic Sheep“ als Level Pi in Erscheinung getreten, hat auf „Aqual Measure“ das Titelstück mit komponiert und spielt auch E-Gitarre dabei.
Die Musik von beiden CDs klingt kein bisschen „technisch“ oder gar kalt. Ich empfinde sie im Gegenteil sehr organisch. Und für mein Gefühl lebt der Computer-Chemiker eine große Nähe zur Rockmusik. Die beiden Alben wirken wie ein Bindeglied zwischen Progrock und EM. Denn neben den Sequenzern sind ein starkes Schlagzeug (mit tollem Sound und sehr abwechslungsreich) und die E-Gitarre wichtige Elemente in Daves Musik. Zum anderen kommt mir mancher Klang (z. B. Mellotron oder E-Piano) aus den 1970er Jahren bekannt vor.
Das Album „Landform“ beginnt beim ersten Stück gleich mit glasklaren und akzentuierten Sequenzen und insgesamt kräftigen Sounds. „Darklight Drive“ hat eine gut dreiminütige ruhige Einleitung, worauf eine für EM-Verhältnisse absolut ungewöhnliche E-Gitarre erklingt und das Stück “Drive“ bekommt. Zwischendurch verlangsamt sich die Musik immer wieder, wie um sich zu orientieren, um dann wieder Fahrt aufzunehmen.
Auch die anderen drei Titel von „Landform“ sind von derartigem Kaliber, wobei das Titelstück und ansatzweise auch der Abschluss („Geoid“) um einiges ruhiger daherkommen. Der Track „Geoid“ lässt durch seine E-Piano-Läufe ganz stark an die Musik von Pink Floyd in den 1970er Jahren, genauer: bei „Animals“, denken.
Im Fall von „Landform“ ist Dave Pearson hörbar mehr an Stimmungen, als an Melodien mit Ohrwurmqualität interessiert.
Auf „Aqual Measure“ entwickelt Computerchemist das Konzept des Vorgängeralbums weiter. „Tantric Race“, das erste Stück, schließt eigentlich nahtlos an „Landform“ an. Aber es ändert sich, obwohl alle Elemente, die „Landform“ ausmachen, wieder vorhanden sind.
Die Veränderung macht sich vor allem durch eine Intensivierung der E-Gitarre bemerkbar, die rockiger und stellenweise auch etwas aggressiv ist. Die Rockmusik kommt stärker zur Geltung. Nun werden aber auch Melodien wichtiger. Und ich habe das Gefühl, dass es auf „Aqual Measure“ mehr ruhigere Strecken gibt, als auf „Landform“. Vor allem empfinde ich das neuere Album kontrastreicher und „elektronischer“ als die 2008er CD. Das Titelstück klingt sehr symphonisch und hat auf mich eine tiefgreifende Wirkung. Wunderbar intensive Musik!
Wenn bei einer Zusammenarbeit von Dave Pearson und Uwe Cremer immer solche Musik entsteht, dann dürfen die beiden sich gerne öfter treffen … Den Titel „Standing Waves, Standing Still” verstehe ich nicht. Stillstand ist etwas anderes. Die „Wellen“ überschlagen sich zwar nicht gerade, aber sind doch dauernd in Bewegung.
„Atlantic Rift“, der letzte Track, ist noch einmal anders insofern, als der Anfang etwas experimentell ist, und der Schluss sogar in Hard-rock „umkippt“.
Man frage mich jetzt bitte nicht, welches der beiden hier vorgestellten Alben mir besser gefällt. Ich bin froh, beide zu besitzen und immer wieder hören zu können.

Andreas Pawlowski,  Schalldruk 42, (Schallwende Magazine) Juni 2011

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